Thessaloniki war bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts keine griechische Stadt. Sie war nach Istanbul die zweitwichtigste Stadt des osmanischen Reiches und Geburtsort von Mustafa Kemal, dem späteren Atatürk. Die Juden waren die grösste Bevölkerungsgruppe – vor den Türken, Griechen, Slawen, Albanern, Armeniern und Levantinern. Das Ladino – ihre altspanische Sprache – war die lingua franca der Stadt und am Shabbat stand die Stadt still.
Als David Ben Gurion, der spätere Ministerpräsident Israels, kurz vor dem 1. Weltkrieg Saloniki besuchte, sah er sich hier bestätigt, dass ein jüdischer Staat lebensfähig wäre. Die Juden von Thessaloniki hatten über Jahrhunderte bewiesen, dass sie sehr wohl in der Lage waren, ein Gemeinwesen zu leiten, dass sie sich nicht lediglich als Kaufleute und Bankiers mit Geldgeschäften betätigten. Von den 150’000 Einwohnern der Stadt im Jahre 1910 waren 110’000 Juden – Hafen- und Fabrikarbeiter, Handwerker, Ärzte, Rabbis, Geschäftsleute – kurz, alle Schichten und Berufe waren vertreten. Das ist einzigartig in der Weltgeschichte.
Nach der Niederlage der Türken und dem Verlust von Thessaloniki, das jetzt griechisch wurde, begann der Niedergang der jüdischen Bevölkerung. Im Zuge der Hellenisierung der Stadt wurden gerade hier viele Griechen angesiedelt (die sogenannten Pondos-Griechen), die als Flüchtlinge, im Austausch mit den damals in der Stadt lebenden Türken, von der kleinasiatischen Küste, aus Istanbul oder dem Schwarzmeergebiet ins Land gekommen waren.
Die jüdische Lebenswelt ist vor sechzig Jahren vollständig untergegangen, innerhalb von zwei Monaten wurde eine 500 Jahre alte Zivilisation ausgelöscht: 56'000 Menschen wurden von April bis Juni 1943 nach Auschwitz deportiert und vernichtet.
Spaziert man durch die Stadt, erlebt man die übliche, nervöse, griechische Stadt. Weiss man aber ob ihrer Vergangenheit, beginnt man die Stadt mit anderen Augen zu sehen. Ein Gefühl einer Absenz stellt sich ein. Man spürt, etwas fehlt.
Ich war ernüchtert: Vom einstigen «Jerusalem des Balkans» war nichts mehr zu erahnen. Von 32 Synagogen noch eine übrig, vom grandiosen jüdischen Friedhof einzig die Steine, die als Strassen-pflaster dienen.
Ich war erschreckt, wie von dieser grandiosen Geschichte nichts zu spüren und zu sehen war. Ein mickriges Denkmal, das erst 1997 auf Drängen der europäischen Union erstellt worden war, das war alles, das an die Juden von Salonica erinnerte. Hier entstand der Wunsch, einen Film zu machen.
Am Anfang stellte ich mir einen Film ausschliesslich über die jüdische Geschichte vor, historisch ausholend, mit Archivmaterialien und ich stellte mir auch vor, Juden zu portraitieren, die aus Saloniki stammten, aber verstreut über alle Welt, in Argentinien, Frankreich, Israel, den USA, lebten.
Und dann lebte ich in der Stadt, liess mich auf sie ein. Ich entdeckte eine nervöse, aufgeregte Stadt, deren Bewohner ihr Griechisch- und Makedonisch-Sein stets mit Vehemenz, wenn nicht mehr, betonten. Wie wenn da etwas noch nicht gelöst sei, was die griechische nationale Identität betrifft und wie wenn alles noch sehr fragil und frisch wäre.
Und wie diese Identität noch geprägt war vom Umstand, dass eine sehr grosse Zahl der Einwohner von den griechischen Flüchtlingen abstammt, welche nach der Niederlage Griechenlands in Klein-asien zu Hunderttausenden ins Land strömten.
Langsam änderte sich mein ursprünglicher Plan. Ich entschied, dass der Film nur in der Stadt selber und nur in der Gegenwart spielen sollte und sich daher auch mit dem modernen Thessaloniki konfrontieren musste.
Paolo Poloni, Januar 2008